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Rede von Bürgermeister Kramer zum Neujahrsempfang am 6. Januar 2018

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Casteller, Greuther und Wüstenfelder, sehr geehrter Fürst Ferdinand, Dekan Klöss-Schuster, Altbürgermeister Rudolf Lösch und liebe Neubürger!

Ich begrüße Sie alle ganz herzlich zum Neujahrsempfang Ihrer Gemeinde und wünsche Ihnen ein gutes neues Jahr!

Ein Gruß auch noch von unserer Weinprinzessin Eva I., die heute in Berlin weilt und sich entschuldigt hat.

Zu Beginn eines neuen Jahres ist die Zeit, einmal kurz inne zu halten. Die weihnachtliche Stimmung gibt auch den richtigen Rahmen dazu - bis wieder die Hektik des Alltags von uns Besitz ergreift. Dies ist dann auch die Zeit einer kurzen Rückschau auf das Vergangene und ein erwartungsvoller Blick nach vorn – was wird uns das neue Jahr wohl bringen?

Viele werden sich bei diesem Ausblick freuen, können es vielleicht gar nicht mehr erwarten. Eine schöne Reise, ein neuer Beruf oder eine gerade begonnene Freundschaft. Andere hingegen schauen nicht so erwartungsvoll in die Zukunft, sind vielleicht betrübt oder sogar verzweifelt über das, was da bereits jetzt absehbar und unausweichlich kommen wird.

Dies alles zu erfassen und zu begleiten – dafür sind Familien und Dorfgemeinschaften da. Gerade in diesen Situationen zwischen schön feiern und gemeinsam leiden und trauern sind wir stark – hier bei uns auf dem Land und in unseren Dörfern!

Viele Feste feiern wir gemeinsam über das Jahr verteilt immer wieder. Dies sind die fröhlichen Stunden im Leben, die so wichtig sind. Wir leisten aber auch Beistand und Sorge bei denen, die es nötig haben – jeder auf seinem Platz. Dies ist ein großes Gut, das es gilt zu bewahren!

Denn die Welt um uns herum verändert sich, die Herausforderungen nehmen zu. Manchmal denke ich, dass damit auch ein Stück Unbeschwertheit verloren geht bei unseren Kindern und Enkeln. Natürlich kann man nun denken – der Bürgermeister wird jetzt doch langsam alt, kommt nicht mehr mit!

Natürlich werde ich älter – aber ich sehe auch die Veränderungen und manches ängstigt mich. Wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft und was geschieht mit den vielen Völker dieser Welt, die abgehängt werden Ich erinnere in diesem Zusammenhang nur an die Krawalle in Hamburg anlässlich des G 7 Gipfels, dessen Aufarbeitung und Verfolgung der Straftaten unerlässlich ist. Ich erinnere an das Attentat von Berlin vor einem Jahr, welches Entsetzen und Trauer in unserem Land auslöste und ich spreche hier die Kräfte an, die die Zersetzung unserer demokratischen Staatssysteme und Rechtsordnungen mit forcieren.

Es ist das Geld, die Macht und der unermessliche Reichtum Einiger, die keine gesellschaftliche Verpflichtung mehr in diesem persönlichen Vorteil erkennen und danach handeln. Eine Wertegesellschaft geht verloren.

 Arbeitsverhältnisse werden oft nur noch durch prekäre Arbeitsverträge geschlossen. Mindestlohn soll es retten, ist aber der völlig falsche Weg. Die Altersarmut nimmt zu und dem Staat wird diese Verantwortung einmal zufallen – Andere hingegen werden die Taschen voll haben. Der Zeitungsbericht unserer Schuldnerberaterin im Landkreis Kitzingen bestätigt diese Einschätzung. Immer mehr Menschen in unserem Land nehmen das soziale Ungleichgewicht wahr. Dadurch gelingt es den etablierten Parteien nicht mehr klare Führungsrollen zu übernehmen, die Parteienränder franzen aus.

Längst regiert das Geld die Welt, wie ein altes Sprichwort sagt. Autokonzerne kommen mit noch höheren Umsätzen und Gewinnen aus ihrem Schlammassel raus, die Verursacher gehen oftmals straffrei aus oder ein paar Bauernopfer müssen hängen. Energieversorger schieben die Verantwortung für eine Entsorgung und Endlagerung von Atommüll ab – schieben die Verantwortung auf den Staat ab, trotz hoher Gewinne! Alles ist dem Geld und der Rendite geschuldet, was nur wenigen zugute kommt. Amazon beutet die Menschen aus und übt eine strenge Überwachung der Arbeitsleistungen. Ein Toilettengang ist schon Luxus und unterliegt der zeitlichen Begrenzung.

Beim Blick in Drittländer und vor allem nach Afrika, wo die Jahrhunderte anhaltende Ausbeutung noch größere Ausmaße annimmt, welche das Leben der Menschen dort unmöglich macht, verheißt nichts Gutes!

Unsere Nationalstaaten verlieren die Kontrolle. Viel wurde bereits hergegeben in der Hoffnung auf Verbesserungen, ich erinnere an die Post und das Fernmeldewesen, an die Energieversorgung, an die Privatisierung von Autobahnen.

Wann kommt denn das Wasser als lohnendes Wirtschaftsgut? Längst haben das auch schon Großkonzerne und Investoren im Blick. Der Reichtum von Konzernen macht es längst möglich – und das skrupellose Verhalten von unter Druck stehenden Managern. In Indien verkauft ein Konzern das vorkommende Quellwasser an die dort lebende Bevölkerung. Die Selbstmordrate in Indien von kleinen Bauern steigt und steigt.

Das Weltklima macht uns Sorgen. Die Erderwärmung nimmt rasant zu und längst weiß man wo das alles hinführt. Immer noch gibt es aber mächtige Politiker in der Weltgemeinschaft, die alles opfern, Hauptsache ihre Regierungszeit ist erfolgreich. Langfristiges Denken – Fehlanzeige!

 

Ein weiterer Verlust und vielleicht der größte Coup aller Zeiten aber erscheint mir der Griff nach dem Geld selbst. Das Zauberwort heißt Bitcoin!

Virtuelles Geld ohne jegliche Sicherheit wird derzeit als Parallelwährung zu den einzelnen Staatswährungen aufgebaut. Der Staat/die Staaten schauen zu oder -  sind sie schon machtlos?! Besonders beliebt ist dieses „Geld“ als Handelsware im Dark-Net: Bitcoin für Waffen und Rauschgift. Die Gier ist grenzenlos.  Viele Milliardäre gibt es schon, die sich wahrscheinlich noch perversere Ideen einfallen lassen.

Hoheitliche Aufgaben werden untergraben und ausgehöhlt. Wo steuern unser Staat, unsere Gesellschaft und unsere Welt-gemeinschaft hin? Ist der Staat überhaupt noch in der Lage,  all diese globalen und weltumspannenden Probleme zu lösen? Was sind die Ursachen? Sind es die Flüchtlingsströme, die den Rechtspopulisten Auftrieb verleihen? Ist es die Arroganz der Macht, die der Wähler bestraft? Bekommen Wutbürger und Protestwähler die Oberhand? Hat sich die Demokratie gar überholt, indem mächtige Lobbygruppen das Sagen haben?

Oder sind wir es selbst, die nicht mehr regierbar sind. Was erwartet ein Volk von seinen Politikern?

Wir wollen gleichzeitig eine saubere Umwelt, aber auch die günstige Urlaubsreise, ein möglichst großes Auto mit geringen Emissionen, wenig Steuern und Abgaben bei optimaler sozialer Absicherung, viel Freiheit, aber auch größtmögliche Sicherheit durch den Staat.

Der Leitartikel der Main-Post vom 30. Dezember steht unter der Überschrift: „Die erschöpfte Gesellschaft und ihre Zukunftsängste“.

Darin wird berichtet, dass Zeitnot und Stress mittlerweile alle Gesellschaftsschichten erreicht hat. Als Ratschlag gibt der Redakteur mit: „Es ist Zeit, endlich zur Besinnung zu kommen“.

Natürlich ist ein Gefühl der Unsicherheit mit Blick auf die Zukunft normal und so alt wie die Menschheit selbst. Das Unbekannte macht Angst, weil es sich unserer Kontrolle entzieht. Dabei neigt der Mensch dazu, die äußeren Umstände beherrschen zu wollen, um sein Leben im Griff zu haben. Die Angst vor der Zukunft – und das hat sich im Vergleich zu früher verändert – beruht keineswegs ausschließlich auf unumstößliche Fakten. Vielmehr haben zunehmend mehr Bürger ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Politikern, Managern, Behörden, Medien und dem Staat. Immer mehr Menschen beschleicht langsam das Gefühl, dass unsere Gesellschaft mit Ihrem Höher, Schneller, Weiter - und das gilt auch in der Freizeit - am Ende ist. Werbetexte wie „Du bist, was du erlebst“, von Jochen Schweizer unterstreichen dies.

Ja, sehr geehrte Damen und Herren, das sind meine dunklen Gedanken und ich muss mich fast zwingen, in eine andere Richtung zu denken. Es ist natürlich leicht auf, andere zu schimpfen und anzuprangern. Auch das Gefühl der Ohnmacht überkommt mich bei all dem.

Doch stehen wir nicht alle auch auf diesem fahrenden Zug? Unabwendbar erscheinen uns diese  Vorgänge. Früher konnte man sich z. B. auf Gewerkschaften, Parteien oder Politiker verlassen. Ein Streik der Arbeiter hat manches wieder ins Gleichgewicht gerückt. Das ist längst vorbei! Auch Wahlen bringen keine klaren Verhältnisse mehr und Regieren wird schwieriger.

Wir verlieren mehr und mehr die von uns vermeintlich geglaubte Sicherheit und Ordnung. Die Parteienlandschaft verändert sich und Regierungsbildungen sind komplizierter geworden. Der Wähler zeigt seine Unzufriedenheit, zeigt seinen Protest in der Wahl von rechtsextremen Parteien – nicht nur in Deutschland. Dies kann aber auch nicht die Lösung sein, wie wir ja wissen!

 Auch Abspaltungen von Europa und innerhalb einzelner Nationalstaaten sind kein Tabuthema mehr.

Und jetzt komme ich nochmal zurück auf unseren fahrenden Zug und verbinde dieses Bild mit der Frage: Können wir etwas dagegen tun und was?

Springen wir ab, so werden wir überrollt – soviel wissen wir.

Oder werden wir nur bedient mit dem, was wir wollen?

Nur ein Gedanke. Früher zu meiner Kindheit musste statistisch gesehen eine Familie für den Lebensunterhalt (Nahrung, Kleidung) ohne Wohnung, ca. ein Drittel des Familieneinkommens aufbringen. Heute hingegen liegt der Durchschnitt bei 8 bis 10 %. Das Konsumverhalten hat sich dadurch stark verändert und nur ein Urlaub im Jahr erscheint doch recht dürftig. Der Wohlstand in unserem Land ist allgemein hoch und es ist gut, dass es uns gut geht, dass es mir gut geht!

Aber zu welchen Preis?

Zum Schluss gehen aber meine Gedanken wieder zurück nach Castell, natürlich mit dem leisen Gefühl der Resignation, dass ich als Kleiner ja doch nichts ändern kann.

Vielleicht ist es doch nur meine Angst, weil ich den Wandel nicht mehr vertrage und alt werde – ich möchte es hoffen!

Ich jedenfalls kaufe jetzt eine „faire“ Tüte Milch und hoffe, so den Wandel der Landwirtschaft in eine immer größer werdende Agrarindustrie zu verhindern. Dass ich damit die Welt nicht rette, ist mir auch klar! Aber jeder kann mal darüber nachdenken und vielleicht doch im Kleinen etwas zur Erhaltung einer lebenswerten Welt beitragen.

Und dazu gehört nicht nur die „faire“ Tüte Milch, sondern es zählen auch unsere Dorfgemeinschaften und unsere Kontakte untereinander, wozu die örtlichen Vereine einen großen Beitrag leisten. Letztlich versöhnt mich das wieder ein Stück weit und gibt mir Sicherheit – die Gemeinschaft und das Miteinander. Dazu soll auch dieser Neujahrsempfang mit beitragen dass wir miteinander dieses neue Jahr gemeinsam beginnen, gute Begegnungen haben und miteinander leben, feiern und uns gegenseitig unterstützen, wo es nötig ist.

Ich danke heute daher allen Verantwortlichen, die sich in den Dienst der Gemeinschaft stellen: den Vereinen und Vorständen, unseren Feuerwehren als Retter in der Not und allen,  die sich ehrenamtlich zum Wohle Einzelner und für das Gemeinwohl einsetzen. Ich danke dem Gemeinderat und dem 2. und 3. Bürgermeister für die nötige Unterstützung und auch für das harmonische Miteinander im Dienste unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger. Und zu guter Letzt bin ich dankbar,  hier auf dem Land in unserer Gemeinde zu leben, wo ich das Gefühl einer heilen Welt immer noch habe.

Ganz toll finde ich daher den Satz „Zukunft ist kein Schicksal“ !

Es liegt also ein Stück weit auch an uns selbst, unsere Dorfgemeinschaften lebenswert zu erhalten!

Lassen Sie uns deshalb das neue Jahr gemeinsam beginnen, verantwortlich durchleben und uns auf gute Begegnungen in 2018 freuen!

Darauf trinken wir - zum Wohl!

zuletzt geändert: 11.01.2018

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